UM NICHTS

 

Immer, wenn ich mich kontinuierlich bewege, kommen meine Gedanken in Fluss.

Joggen, schwimmen, Fahrrad fahren, putzen, bügeln. Alltägliche Handlungen. Bewegungen, die nur geringe Aufmerksamkeit erfordern, um sie auszuführen.

 

Diese Erkenntnis inspirierte mich über diesen Moment hinaus zu gehen und sie als Ausgangsmaterial für eine Performance zu nutzen.

 

Ich blieb bei der Wäsche hängen.

Schon immer hatte ich ein Faible für Materialien, Strukturen und den Umgang damit.

 

Der Prozess des Säuberns, Waschens, Aufhängens, und Glättens.

Die dabei entstehenden Gerüche.

Das in den Händen halten und berühren.

Die Anordnung der Dinge..

 

Diese sinnliche Wahrnehmung der Reinigungsprozesse der Hüllen, die unsere  erste Hülle, die Haut bedecken, schützen und schmücken ruft Erinnerungen in mir hervor.

 

Waschtag bei meiner Grossmutter, einmal in der Woche. Berge von Wäsche auf dem Boden liegend. Dampf in der Waschküche. Der Geruch von Seifenlauge.

Jede Woche ein grosses und wichtiges Ereignis.

 

Meine Mutter am Bügeltisch. Neben ihr der Korb voll aufgetürmter Wäsche. Meistens lief Radio Klassik. Der frische Geruch der gewaschenen Wäsche, der sich durch das erhitzen angenehm verstärkte, lag in der Luft.

 

Bügeln war ein heiliges Ritual. Ruhe und Wohlbefinden breiteten sich aus.

 

Dabei ist Wäsche zu bügeln rein äußerlich betrachtet absolut unnötig.

Es dient einzig und allein unserem ästhetischen Empfinden.

 

Lang anhaltendes  Bügeln führt zu einem Meditationsähnlichem Zustand. Es ist Arbeit und Ausruhen in einem. Die kleine Flucht der Hausfrau.

 

Becketts Texte um nichts treffen mit dem Bügeln zusammen.

 

Er erzählt von der Suche, den Sehsüchten, den Ängsten und dem nicht Endenden sich stets Wiederholenden. Wunderbar poetisch entwirft er innere Landschaften von dem immer wieder verharren, dem ausgeliefert sein, nicht wissen, nicht weiter kommen, Bedrohung, sich gegenseitigen unterstützen, dem nicht aufgeben und dem möglichen Ausweg: Oder wir gingen, Hand in Hand, stumm, in unsere Welten versunken, jeder in seine Welten, mit ineinander vergessenen Händen.

 

Es war dieser Satz, am Ende des ersten Textes, der mich hinein zog, der mich süchtig machte nach seinen Worten.

 

Die Suche im Nichts nach dem was ist.

 

Scheinbar ausweglos reihen sich die Bilder und Gedankensplitter aneinander.

 

Worte, die aus dem Nichts heraustreten, der Sein füllende Daseinsgrund.

 

Nichts, in seiner grenzenlosen Freiheit nährt es nur sich selbst.

 

Es ist eine Verneinung des Seins und gleichzeitig sein größter Befürworter.

 

Nichts.....und ich, was immer ich auch bin.

Ich....Mensch, Frau, Mutter.....ich.

 

Gebärende, Wärmeschaffende, Heimsuchende, Glättende, Ordnende, Zerstörende, Liebende, Suchende, eingebunden in die Tradition sich immer neu ordnender Rituale, im Nichts der Zivilisation.

 

Ich lernte den ganzen Text auswendig, während ich bügelte.

Ich glättete und ordnete, und ließ die Worte und Sätze durch mich rieseln.

Immer und immer wieder.

 

Zwei Realitäten treffen aufeinander.

Die Realität der Frau und die Realität des Textes.

 

Die Performance:

 

Ich trage den Text vor.

Jedes Wort, jeden Satz breite ich aus.

So wie die Wäschestücke.

Die Gäste waren eingeladen mir Wäsche mitzubringen.

Ich glättete beides.

 

2002, Kunstraum Offenbach, Deutschland